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Forstwirtschaft in Natura 2000-Gebieten


In den deutschen FFH -Gebieten sind die Wald-Lebensraumtypen mit einer Gesamtfläche von ca. 800.000 ha vertreten. Daran haben unsere "Naturerbe-Buchenwälder" mit den Lebensraumtypen  9130 Waldmeister-Buchenwälder und  9110 Hainsimsen-Buchenwälder die größten Anteile.

Grundsätzlich ist eine forstliche Nutzung in Natura 2000-Gebieten zulässig, wenn die angewandten waldbaulichen Maßnahmen nicht zu einer Verschlechterung des Erhaltungszustands von FFH -Lebensraumtypen oder Habitaten der nach FFH - bzw. Vogelschutz-Richtlinie geschützten Arten führen. Außerdem sollte sie den Vorschlägen des Naturschutzes für die "gute fachliche Praxis" in der Forstwirtschaft entsprechen.
Die "gute fachliche Praxis" allein reicht jedoch nicht immer aus, den Anforderungen an die Erhaltung von Natura-2000-Wäldern zu genügen.

Auch bei schonenden Bewirtschaftungsweisen ist die Dynamik des Waldwachstums – insbesondere Verschiebungen zwischen Wald-Entwicklungsphasen – bei der Managementplanung zu berücksichtigen. Der Erhaltungszustand einzelner Teilflächen kann sich unter Bewirtschaftung sowohl verbessern (z. B. durch Zulassen von Alterungsstadien, Erhaltung von Totholz) als auch verschlechtern (z. B. durch übermäßige Entnahme von Altbäumen). Die Gesamtfläche eines Lebensraumtyps mit einem günstigen Erhaltungs-zustand sollte aber innerhalb eines FFH -Gebiets mittelfristig stabil bleiben oder zunehmen.

Empfehlungen

Empfehlungen für das forstliche Management von Wäldern in Natura 2000-Gebieten werden im Rahmen des  EU-Leitfadens “Natura 2000 und Wälder“ gegeben, der durch eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe seit 2012 erarbeitet und im Jahr 2015 von der EU-Kommission (Generaldirektionen Umwelt sowie Agrarwirtschaft) veröffentlicht worden ist. Der Leitfaden wendet sich an Waldeigentümer und -bewirtschafter wie auch Naturschützer, indem er umfassende Hinweise zum Management von Waldlebensraumtypen in FFH -Gebieten gibt. Neben einer Einführung in Natura 2000, die EU-Forstpolitik und Finanzierungsmöglichkeiten (Teil I) greift eine Sektion mit häufig gestellten Fragen (Teil II) gezielt und praxisnah eine große Bandbreite an Aspekten des Managements von Wäldern der FFH -Schutzgebietskulisse auf. Abschließend werden Fallstudien guter fachlicher Praxis der Waldbewirtschaftung im Rahmen von Natura 2000 präsentiert (Teil III, bisher nur in englischer Sprache).

Um zu Empfehlungen für ein konkretes Management von Natura-2000-Wäldern zu gelangen, ist aber stets eine einzelfallbezogene Betrachtung erforderlich. Insbesondere geht es hierbei um die Schutzgüter, d. h. die jeweilige Ausstattung der Gebiete mit Lebensraumtypen und Arten, die mit ihren Ansprüchen wesentlich in der Wahl geeigneter Bewirtschaftungsweisen zu berücksichtigen sind.

Untersuchungen

Es existiert eine Reihe von Untersuchungen mit regionalem Bezug, aus denen naturschutzfachliche Anforderungen an die Bewirtschaftung bestimmter Waldlebensraumtypen in Natura-2000-Gebieten abgeleitet wurden.

Als ein Beispiel für Buchenwälder (Lebensraumtypen  9110,  9130) des nordostdeutschen Tieflandes sei das F+E -Vorhaben „Naturschutzstandards für die Bewirtschaftung von Buchenwäldern im nordostdeutschen Tiefland“ genannt. Über diese breit angelegte Vergleichsstudie von Wirtschaftswäldern, kurzfristig (seit 10-20 Jahren) unbewirtschafteten sowie seit langer Zeit (50 bis über 100 Jahre) aus der Nutzung genommenen Buchenwäldern wurden von Flade et al. folgende naturschutzfachliche Anforderungen an die Bewirtschaftung derartiger Tieflandbuchenwälder abgeleitet (vgl. Flade, M., Möller, G., Schumacher, H. & Winter, S. (2004): Naturschutzstandards für die Bewirtschaftung von Buchenwäldern im nordostdeutschen Tiefland. – Der Dauerwald 29: 15-28): 


  • Die Bewirtschaftung soll unter Belassen von alten Bestandesteilen (kein Kahlschlag, kein Schirmschlag) und Zulassen von Lücken erfolgen; nutzungsbedingte Bestandsmosaik-Strukturen (homogene Teilflächen) sollen nicht größer als 1 ha sein. Der Bestockungsgrad des Oberstandes soll nicht unter 0,7 absinken, die Absenkung durch forstliche Nutzung soll nicht um mehr als 0,1 pro Jahrzehnt erfolgen. Ein- bis zweischichtige Bestände sollen durch geeignete forstliche Maßnahmen in vielschichtige bzw. stufige, vielfältig strukturierte Bestände überführt werden.
  • Altbäume (Totholzanwärter, Biotopbäume, Ewigkeitsbäume, ...): Auswahl und dauerhafte Markierung von mind. 5 Bäumen (>=40 cm BHD) pro ha, die dem natürlichen Altern überlassen werden, als "gute fachliche Praxis", mindestens 7 Bäume/ha in Naturschutzgebieten.
  • Entwicklung und Sicherung eines angemessenen Totholzanteiles: a. Mindestens 30 m³ pro ha stehendes und liegendes Totholz als "gute fachliche Praxis"; 50 m³ sind anzustreben. b. Erhalt des stehenden Totholzes (stark und schwach dimensioniert, ab 10 cm BHD); es soll eine Totholz-Grundfläche im stehenden Bestand von mindestens 1 m²/ha erreicht werden. c. Ein liegender Totholzanteil aus weitestgehend unzerschnittenen Stämmen, Starkästen und Kronen (ab 15 cm Durchmesser am stärkeren Ende) ist in Höhe von mindestens 25 m³/ha zu entwickeln (Förderung typischer und gefährdeter Pilz- und Insektenarten).
  • Naturwaldstrukturen mit Habitat-Schlüsselfunktion wie Baumruinen, Kronenbruch und Ersatzkronenbäume, Blitzrinnen-Bäume, Höhlenbäume, Großhöhlen mit Mulmkörpern, Bäume mit Mulm- und Rindentaschen sind generell im Bestand zu belassen. Es ist eine Dichte von mindestens 4 solcher "Naturwaldstrukturen" pro ha anzustreben. Zudem sollten von den insgesamt definierten  20 Sonderstrukturtypen mindestens 10 pro 10 ha vorhanden sein.
  • Zielstärkennutzung: Zielstärke mindestens 65 cm BHD.
  • Keine Bodenbearbeitung.
  • Kein Einsatz von Bioziden.
  • Bestandesbegründung über Naturverjüngung, Erhalt bzw. Zulassen eines naturnahen (jedoch nicht künstlich erhöhten) Anteils von Mischbaumarten (grober Orientierungswert max. ~ 15 %) durch angemessene Bejagung.
  • Keine Förderung von vorhandenen und Pflanzung von gesellschaftsfremden Baumarten.
  • Dauerhafte Festlegung, Markierung und Einhaltung eines Rückegassensystems.
  • Melde- und Einweisungspflicht für Selbstwerber; Waldarbeiter und Selbstwerber sind gezielt auf wertvolle Waldstrukturen zu schulen.
  • Wirtschaftsruhe während der Brutzeit der Vögel (März - Juli).
  • Wasser ist generell im Wald zu halten, Feuchtgebiete sind zu schützen
  • Entwässerungssysteme sind nicht weiter zu unterhalten bzw. zurückzubauen.


Inwieweit diese Forderungen von Flade et al. (2004) überregional Gültigkeit besitzen und in welcher Form sie in den Natura 2000-Gebieten umsetzbar sind, bleibt der Einzelfallprüfung bzw. dem Festlegen von gebietsbezogenen Schutzzielen überlassen.

Einen sehr wichtigen Aspekt mit Blick auf das Management stellt die Frage dar, ob es sich bei den zu schützenden Lebensraumtypen um „primäre“ Ausprägungen handelt (die der potentiell natürlichen Vegetation entsprechen und aufgrund ihrer Angepasstheit an die standörtlichen Gegebenheiten auch ohne gezielte Pflegemaßnahmen oder Waldbewirtschaftung erhalten werden können) oder ob eine „sekundäre“ Ausprägung vorliegt, die fortlaufend ein aktives Management zum Erhalt erfordert. Als Beispiel für letztere Fälle lassen sich die vielfach auf ursprünglichen Buchenwald-Standorten stockenden Eichen-Hainbuchen-Wälder (Lebensraumtypen  9160,  9170) nennen, die sich ohne aktives Management mit Förderung der Eichenverjüngung über die Zeit zu Buchenwäldern entwickeln würden.

Empfehlungen für die Bewirtschaftung vorstehend genannter Eichenmischwälder in Natura 2000-Gebieten (und darüber hinaus) erarbeitet die Unterarbeitsgruppe „Eichenwälder“ der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Natura 2000 und Wald“. Forst- und Naturschutzfachvertreter aus Behörden und Versuchsanstalten greifen hierin kooperativ die Herausforderungen der Erhaltung sekundärer Eichen-Hainbuchen-Wälder auf Buchenwaldstandorten auf. Speziell geht es um mit Naturschutzzielen zu vereinbarende und gleichzeitig für Waldbesitzer ökonomisch zumutbare Verjüngungsverfahren von Stiel- und Traubeneiche in Beständen, die sich ohne steuerndes Management aufgrund der fehlenden Konkurrenzkraft der Eichennaturverjüngung im Vergleich zu jener der Buche vielfach zu Buchenwaldtypen hin entwickeln. Die Ergebnisse sollen in Kürze vorgelegt werden. 

Für das Management von Natura 2000-Gebieten können von den Bundesländern Mittel der Europäischen Strukturfonds und das Instrument des Vertragsnaturschutzes im Wald genutzt werden, wie dies auch die Europäische Biodiversitätsstrategie explizit vorsieht (vgl. http://ec.europa.eu/environment/nature/biodiversity/comm2006/2020.htm).

Beim Management von Natura 2000-Wäldern kommt der Sicherung einer langfristigen und dauerhaften Verfügbarkeit der Waldbestände insgesamt (historische Kontinuität) als auch der Kontinuität von Habitatstrukturen wie Tot- und Altholz sowie verschiedenen Strukturen der Biotopbäume eine besondere Bedeutung zum Erhalt zahlreicher charakteristischer Arten zu.

 

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Letzte Änderung: 31.03.2014

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